Die Leiden des Maquech

Ich schlage die Augen auf und blicke aus dem Fenster. Yucatan empfängt mich, der Bus fährt direkt an der Küste entlang. Das Hell- und Türkisblau des Meeres in Küstennähe verliert sich zum Horizont hin in einem tiefen Indigoblau. Möwen sammeln sich über dem Wasser und Dutzende Pelikane sitzen auf den Holzstäben der Bootsanlegestellen. Zur Bestätigung der Szenerie erhebt sich gleich nebenan das Restaurant „El Pelicano“.

Unsere Fahrt führt uns durch Dörfer entlang der Küste. Fischer legen ihre Netze in der Sonne zum Trocknen aus oder ordnen sie für den nächsten Fang. Geschickt lenken die ausfahrenden Fischerboote an den zahlreichen Wassersportlern vorbei. Endlich am Meer, freue ich mich innerlich und verfolge das tiefe Blau bis zum Horizont, es scheint als würde das Meer kein Ende nehmen. Diese fantastische Weite hat etwas beruhigendes, schon fühle ich mich wohl und angekommen.

Merida, das kulturelle Zentrum der Yucatan-Halbinsel, so steht es zumindest im Reiseführer, wirkt ernüchternd auf mich. Die Stadt hat fast 800.000 Einwohner. Es gibt jede Menge Autos und das Gewusel in den Strassen nimmt kein Ende. Auf meinem Weg in die Innenstadt nerven vor allem die großen, stinkenden Busse, die mit Vollgas durch jede noch so kleine Strasse rasen. Immerhin werde ich nur einmal beinahe überfahren. Mit einem kleinen Kampfschrei lege ich beim Anblick des herandonnernden Busses die letzten Meter über die Strasse nochmal einen Zahn zu, meinen kleinen Koffer reiße ich hinter mir her. Der Bus verfehlt mich.

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Die schönen Plätze und die Kolonialarchitektur von San Cristobal fehlen mir schon jetzt. Merida ist eine typische Großstadt, es gibt viele Geschäfte und Restaurants und jede Menge Museen. An der Plaza Grande, dem zentralen Platz in der Stadt, an dem auch das Regierungsgebäude steht, frühstücke ich in einem Straßencafe. Ich mag dieses Pulvergesöff nicht, das immer als Alternative zum Kaffee angeboten wird. Lieber suche ich etwas länger nach Cafe Americano, dafür schmeckt es ja auch besser. In den Touristengebieten in Mexiko ist dies zum Glück kein Problem und in den meisten Fällen ist der Kaffee richtig gut.

Nachdem mein Koffer im Hostel verstaut ist, spaziere ich durch Merida und finde auch in dieser Stadt lauschige Plätze und schöne Gebäude, allerdings muss ich im Großstadtdschungel etwas suchen. Ohne Koffer an der Hand lässt sich der Trubel der Stadt besser auskosten, ich schlängle mich durch die Menschenmassen ohne festes Ziel. Letzlich stehe ich vor dem Mercado Municipal, hier findet sich alles was die Yucatanküche zu bieten hat. Wie ein großes pulsierendes Herz inmitten der Stadt wirkt der Markt auf mich, mit dem vielen Gedränge aus Händlern, Einkäufern und Musikanten, die beständig verschmelzen und durcheinander fließen.

Schon zieht mich die Menschenmenge mit und ich irre  durch die abzweigenden Gänge. Meridas Markt ist dem in Mexiko City sehr ähnlich, alles hat seinen Platz. Verschiedene Stände wechseln sich ab, Obst folgt auf Fleisch, Fleisch auf Werkzeug. In einem anderen Bereich werden Singvögel verkauft, sie flattern in viel zu kleinen Käfigen, ihr harmonisches Zwitschern klingt kläglich gegen den Lärm der Menschenmasse an. Die Vögel tun mir so leid, artgerechte Haltung gibt es hier nicht.

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Mein Blick fällt auf einen kleinen Glaskasten. Hier kann man Käfer kaufen, auf deren Panzer Schmuckketten und Glitzersteine aufgeklebt sind. Ich bin entsetzt, die Käfer krabbeln hilflos übereinander. Die schweren Schmucksteine hemmen die Bewegungen in dem viel zu kleinen Glas, in dem sie eingesperrt sind. Die Mexikaner kaufen sie und tragen die kleinen Tiere als lebende Broschen um den Hals. Ihr Leiden geht auf eine Legende der Maya zurück.

Die Lieblingstochter eines Herrschers sollte auf den Wunsch Ihres Vaters einen Prinzen heiraten. Sie verliebte sich aber in dessen Begleiter, einen einfachen Mann. Beide trafen sich heimlich unter der Ceiba, dem heiligen Baum der Maya, wo die Götter die Gebete der Sterblichen erhören. Als der König erfuhr, dass seine Tochter einen Liebhaber hat, wollte er dessen Opferung. Die Tochter bat natürlich um Gnade und versprach, den Geliebten nie wieder zu sehen und stattdessen den Prinzen zu heiraten.

Nachts wurde die Prinzessin von einem Schamanen besucht, der ihr einen Käfer überreichte. Dieses Tier wäre der Geliebte, dem das Leben geschenkt worden sei. Der Herrscher hatte aber gefordert, ihn zur Strafe in ein Insekt zu verwandeln. Die Prinzessin ließ den Käfer mit Edelsteinen schmücken und trug ihn als Brosche an der Brust, damit der Geliebte ihrem Herzschlag lauschen kann, solange sie am Leben ist. Sehr tragisch.

Am Marktausgang steht eine Skelettfigur mit Schleier und Zigarre in der Hand, die La Santissima Muerte, Schutzpatronin der Kriminellen. Neben Zigarren macht man ihr auch Tequilla oder Rosen als Geschenk. Vor ihr befindet sich ein Meer aus bunten Friedhofslichtern. Die Zeit für ein Foto nehme ich mir, dann husche ich schnell weiter. Wo die Schutzpatronin steht sind womöglich auch die Kriminellen nicht so weit.

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Direkt neben meinem Hostel befindet sich das frühere Wohnhaus eines Gründer-Konquistatoren, heute eine Bank – wie passend! Obwohl ich eine Abneigung gegen die spanischen Eroberer habe, die ein so hochentwickeltes Naturvolk wie die Maya versklavt und viele ermordet haben, betrete ich das Haus. Das Interior ist reich gestaltet. Wer sich bewusst macht, dass alles aus den Steinen der alten Mayaruinen gebaut wurde, dem gefällt es wie mir weit weniger.

Das überbordende Gefühl der Ungerechtigkeit lässt sich nicht abschütteln und wird durch die Malereien des einheimischen Künstlers Castro Pacheco zur Geschichte der Maya noch verstärkt. Meine Gedanken wandern zu den Menschen und dem offenen, geselligen Wesen der Einheimischen. Ihr ehrliches Interesse an Fremden steht im argen Gegensatz zur blutigen Geschichte ihrer Vorfahren. Unfassbar, wenn man bedenkt, dass dieses Volk sich so lange gegen Fremdherrschaft wehren musste. Bemerkenswert, auch wenn die Herrschaft der Spanier nun vorbei ist.

Zum Abendessen gibt es sagenhaftes pollo rostada, wieder mit Chili gewürzt. Die Grillgerichte sind hier wirklich lecker, für Vegetarier wäre das Essen allerdings eine Herausforderung.


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