Heilendes Wasser aus Mexiko

Mexiko City ist in immerwährender Bewegung, alles fließt ineinander oder voneinander weg, aber nicht unbedingt harmonisch.

Ich werde fast überrannt, es ist wie beim Autoscooter, ständig ausweichen um Zusammenstöße zu vermeiden. Ich bin froh, dass ich heute ausgeschlafen habe, um mich den Menschenmassen und dem Verkehr zu stellen. Konstantes Hupen begleitet meinen Spaziergang, die Strassen sind total uneben und Schrauben schauen aus dem Gehsteig. So stolpere ich mit den Mexikanern durch die Strassen.

An jede Ecke stehen Schokoladen- und Snackverkäufer und schreien ihr Angebot ohne Unterlass in die vorbei strömende Menschenschlange. Mir gefällt die Vielfalt. Der Polizist, der trotz funktionierender Ampel den Verkehr regeln muss gehört ebenso zur Szenerie wie der kleine Schuhputzer, der am Straßenrand auf Kunden wartet. So lasse ich mich durch das schöne historische Zentrum mit seinen vielen Art Deco Gebäuden treiben. Prachtbauten mit kunstvollen Statuen und detailverliebt gestalteten Fassaden säumen meinen Weg durch Mexiko City.

Begonnen habe ich meinen Rundgang am zentralen Platz der Stadt – dem Zocalo. Dahinter erhebt sich der beeindruckende Palacio Nacional mit dem Regierungssitz des Präsidenten. Westlich davon befindet sich die Kathedrale, davor sitzt eine Schar Handwerker mit Ihrer Berufsbranche auf keinen Pappschildchen. Sie hoffen auf interessierte Kunden um einen ehrlichen Peso zu machen.

Aus einem der kleinen Restaurants, die sich in jeder Strasse im Stadtzentrum aneinander reihen riecht es verlockend nach Grillhähnchen. Hier haben höchstens drei Tische Platz und die Umgebung mutet eher wie ein Imbiss an, das Essen ist dennoch sehr gut. Der Koch schneidet mir den Vogel klein und drückt mir den Teller in die Hand.

Nach dem Essen setze ich meinen Spaziergang fort. Vorbei am schönen Postgebäude der Stadt aus den 20er Jahren, der völlig mit Kacheln überzogenen Casa dos Aulejos bis hin zum atemberaubenden Palast der schönen Künste. An den Art Deco Gebäuden der Stadt kann ich mich stundenlang verweilen, immer wieder entdecke ich neue Einzelheiten in den Statuen oder Dekoelementen und Verzierungen der reichen Fassade. An den Palast schließt ein schön gestalteter Park an, ich übertrete an diesem Ort die Stadtviertelgrenze nach Alameda.

Ich erreiche den Schrein der Virgin del Metro. Durch stetiges Höhlen der Steine in einer Metrostation durch sickerndes Wasser soll das Abbild der Jungfrau von Guadeloupe in den Stein geformt worden sein, dies ist die Nationalheilige und Schutzpatronin von Mexiko. Die Steine wurden aus der Station entnommen und können nun besichtigt werden. Ich presse die Nase an die Scheibe, das Bild einer Jungfrau erschliesst sich mir leider nicht, so sehr ich auch die Augen verdrehe. Der Schrein ist schon alt und steht unter freiem Himmel, die Scheibe ist schmutzig. Vielleicht liegt es daran.

Der Glaube ist der wichtigste Faktor im mexikanischen Alltag, gleich neben dem Aberglauben. Kirchen gibt es übermässig viele und der Gottesdienst wird regelmässig besucht und sehr ernst genommen. Ein paar Schritte vom Schrein entfernt steht die Kirche des heiligen Judas Thaddäus, vor der Heiligenstatuen in allen Größen und Ausführungen verkauft werden. Alles ist mit blinkenden Neonlämpchen in grellen Farben behängt und hat eher etwas von einem Jahrmarkt als einer Kirche. Frauen verkaufen Wasser des Judas mit heilenden Kräften in Flaschen. Dann beginnt der Gottesdienst, unauffällig entferne ich mich.

90 Prozent der Menschen in Mexiko sind katholisch, aber nicht immer im streng orthodoxen Sinne. Nach der spanischen Eroberung begannen die Eingeborenen, ihre eigenen indianischen Gottheiten mit den Heiligen der katholischen Kirche zu verschmelzen. Bis heute werden die integrierten Gottheiten mit großer Inbrunst verehrt und es kommen immer wieder neue Heilige dazu. Ein Beispiel ist „La Santissima Muerte“ die Jungfrau des Heiligen Todes, ein Skelett mit Totenkopf in Frauenkleidern. Sie schützt besonders Kriminelle und andere Sünder.

Draußen empfängt mich erneut das Leben auf den Strassen. Junge Frauen verkaufen vielfarbige Snacks am Strassenrand, ähnlich unserer Chips oder Erdnussflips. In Rot, Orange, aber auch Blau und Grün locken die Knabbereien aus Mais. In Fett werden sie ausgebacken und in Tüten abgefüllt verkauft. Nebenan gibt es Tortillas und Maiskolben. Mir gefällt das Treiben und die Farben, alles ist extrem bunt, manchmal so grell, dass es schon unangenehm wirkt. Egal ob Weihnachtsbeleuchtung oder Essen.

Der Alltag spielt sich auf der Strasse ab, hier ist immer was los. Neben Straßenmusikern schreien Händler und Kellner, die für Ihre Waren oder ihr Restaurant werben ihre eintönigen Monologe in die Menge. Ich fühle mich wohl in diesem Land, einzig die Menschenmassen sind anstrengend, Mexiko City hat fast 9 Millionen Einwohner.

Mit einem zufriedenen Gefühl schlendere ich zurück in meine Unterkunft, am nächsten Tag möchte ich nach Xochimilco und schließe mich einer Ausflugsgruppe vom Hostel an.


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