Immer die Donau entlang

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Seit etwa 60 Minuten dümpelt mein kleiner VW durch eine undurchdringliche graue Nebelsuppe. Mein Blick reicht keine 20 Meter weit. Angestrengt kneife ich die Augen zusammen. Langsam rollt mein zierliches Auto auf der Serpentinenstraße durch den milchiggrauen Wolkenteppich. Hin und wieder reißt die düstere Decke abrupt auf. Ich erhasche den ermüdenden Blick auf ein paar triste Baumgerippe. Der Raureif glitzert auf den braungrünen, welken Grashalmen am Wegesrand. Die Kälte der Wintermonate lässt sich noch erahnen. Dennoch hält bereits der Frühling bereits Einzug. Ich biege um eine Kurve in das obere Donaudelta ein und blinzle überrascht in die volle Sonne. Die allgegenwärtige und völlig umfassende Nebelwand macht plötzlich dem schönsten Wetter Platz. Helle Felsvorsprünge stehen steil ab aus den bergigen Hängen voller Wälder. Schroff fallen die Gesteinsmassen zu den Wiesen und Tälern ab.

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Lichte Sonnenstrahlen tanzen auf der herunter geklappten Sonnenblende vor meinem Gesicht. Ganz vereinzelt stehen Häuser in der rustikalen Zartheit des Naturparks. Ich parke meinen Wagen am Kloster in Beuron. Über das Kopfsteinpflaster laufe ich den kurzen Weg zur Klosterkirche. Still thront der heilige Martin auf seinem Pferd als Statue über dem Portal der Abtei. Er ist gerade im Begriff seinen Mantel für den Bettler am Wegesrand zu zerteilen. Kleine Kiesel liegen überall auf dem steinernen Boden und knirschen unter den Schritten meiner Turnschuhe. Hellweiß glänzt der Kies in der winterlichen Mittagsonne. Der Himmel ist von einem strahlenden Azurblau. Mein Blick fällt von den unbändigen Felsen der Umgebung hinauf zum endlosen blauen Firmament. Nicht eine Wolke ist zu finden. Stumm ragen die lautlosen Gerippe der Bäume aus den abfallenden verblühten Hängen empor.

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Ich folge dem ausgestreckten Zeigefinger des älteren Benediktiners. ‚Zur Kirche laufen Sie einfach ein Stück geradeaus weiter.‘ informiert er mich freundlich. ‚Sie können sich auch in der Bibliothek noch etwas umsehen. Dann ist es ganz schnell 15 Uhr und Sie haben sogar die Gelegenheit am Gottesdienst teilzunehmen.‘ Sein Tonfall ist völlig entspannt, ganz ohne Hektik. Gemächlich und langsam faltet er die Hände über seinem Bauch und lächelt mich herzlich und gutgelaunt an. Diese überaus gelassene und entspannte Pose kann man nur als Geistlicher oder Einwohner dieses 600 Seelendorfs entwickeln. Das aus der Umgebung herausragende Kloster ist die einzige lokale Sehenswürdigkeit. Die Stille und Unaufdringlichkeit diese Ortes tut unheimlich gut. Ich laufe zur Kathedrale der Abtei. Hell fluten die gleißenden Sonnenstrahlen durch die bunten gläsernen Kirchenfenster. In grellen Lichtnebeln bescheinen diese die wenigen Gläubigen oder Touristen, die sich zwischen den Kirchenbänken befinden.

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Im hinteren Teil kniet ein Mönch vor einem Altar auf dem Maria dargestellt ist. Er betet monoton immer wieder für uns Sünder. Stumm haucht er die wiederkehrenden Worte vor sich auf den steinernen Boden. Die Mimik seines Gesichts ist völlig entrückt von der jetzigen Wirklichkeit. Ein alter Mann sitzt neben ihm auf der hölzernen Bank. Nach jedem Satz des Glaubensbruders wiederholt dieser inbrünstig ‚Heilige Maria, Mutter Gottes.‘ Die Augen des Greises sind geschlossen. Seine Miene ist angestrengt. Er bittet um etwas wichtiges. Im kleinen Dorf Beuron hat der Glaube einen hohen Stellenwert. Viele Menschen kommen aus der Umgebung hierher um zu beten und um etwas zu bitten. Sie hoffen auf göttlichen Zuspruch. Langsam und an die Unbeschwertheit dieses Ortes angepasst gehe ich die Stufen der metallenen Treppe hinunter zu den spärlichen Häusern der Siedlung. Ich suche die Donau. Das wunderschöne Wetter lädt zu einem Spaziergang entlang des Flusses ein. Es ist 15 Uhr. Die Gläubigen strömen durch die zierliche Klosterpforte in den Abteihof zum Gottesdienst. Ein Wanderer aus Zinn weist reglos und starr mit seinem erhobenen Wanderstock den Weg durch den Naturpark Obere Donau. Laut tönen die Kirchenglocken in voller Melodie über mir. Die frische Luft tut gut in den Lungen. Die Strahlen der Mittagssonne befühlen wohltuend mein Gesicht. Dann folge ich entschlossen dem Schritt des Zinnmannes.

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