Wolfenbüttels Strafgefängnis

Die Möglichkeit im ehemaligen Nazigefängnis in Wolfenbüttel Praktikum zu machen kam plötzlich und ich war sehr froh während der Coronapandemie einen so tollen Praktikumsplatz gefunden zu haben. Als ich die Ausstellung das erste Mal betrete, bin ich sehr gespannt. Bis heute befindet sich hier eine Justizvollzugsanstalt. Als ich die Eingangstür aufziehe, läuft über mir an einem hohen Zaun ein Stacheldrahtband entlang. Ich schlucke, mir ist mulmig. Der Eingangsbereich ist einladend, wenn auch vom Gefängnis nebenan videoüberwacht. Ganz unterschiedliche Straftäter befinden sich dort auch heute noch, sogar eine Sicherheitsverwahrung ist hier möglich. Mitten in der JVA kann heute noch der historische Ort besichtigt werden, an dem mindestens 516 Verurteilte den Tod durch den Strang oder das Fallbeil erlitten. Der kleine, überschaubare Richtsaal wirkt steril, mit von Kacheln überdeckten Wänden. Ein Vorhang verdeckt das Gerüst der Guillotine vor dem Rest des Raumes. Hinter einer langen Tafel reihten sich der Protokollführer, die Staatsanwälte, sowie einige Geistliche. Nacht-und-Nebel-Gefangene (NN-Gefangene), also politische Häftlinge, wurden unter den Hinrichtungen nicht per Nummer aufgelistet. Diese sollten möglichst spurlos und schnell verschwinden und natürlich niemals entlassen werden. Mindestens 217 Leichen von im Strafgefängnis Wolfenbüttel Verstorbenen und Hingerichteten wurden in der Zeit des Nationalsozialismus ohne Einwilligung der Betroffenen oder ihrer Angehörigen zu Lehr- und Forschungszwecken an die Anatomie Göttingen abgegeben. Die nicht dorthin überführten Leichen wurden in Wolfenbüttel bestattet.

Zunächst fand in der Weimarer Republik eine Reform im Strafvollzug statt, bei der die Erziehung und Besserung der Gefangenen im Mittelpunkt stand und nicht der Sühne- bzw. Abschreckungsgedanke vor weiteren Straftaten. Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft galt dabei als oberstes Ziel. Die Todesstrafe wurde ausschließlich wegen Hochverrat und Mord verhängt. Es gab sogar eine öffentliche Diskussion über ihre Abschaffung. Die Mehrzahl der Todesurteile wurde in lebenslängliche Haft umgewandelt und die Vollstreckung der Hinrichtung zeitweise komplett ausgesetzt. Diese Reformideen waren allerdings stark umstritten und eine Rückkehr zum härteren Strafvollzug wurde mehr und mehr gefordert. Die Nationalsozialisten fanden den Strafvollzug der Weimarer Zeit zu weich und betonten die abschreckende Funktion der Strafe. Ziel war der Ausschluss der (vermeintlichen) Verbrecher aus der Gesellschaft bzw. eine Umerziehung im nationalsozialistischen Sinne. Mit der Einführung neuer Gesetze und härterer Strafen durch die Nationalsozialisten nahmen die Gefangenenzahlen in den Haftanstalten zu. Die Straftatbestände, bei denen die Todesstrafe verhängt werden konnte, wurden stetig erweitert. Bis Mai 1945 waren es 36 Gesetztesänderungen und Verordnungen, in denen die Todesstrafe vorgesehen war. Bis 1942 waren im Deutschen Reich mehr Menschen in den Gefängnissen der Justiz als in den Konzentrationslagern inhaftiert. In Wolfenbüttel befand sich damals das zentrale Gefängnis des Landes Braunschweig und dieses wurde somit für Verfolgungen von Andersdenkenden durch die Nazis genutzt. Menschen mit anderer politischer Gesinnung, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, sozial Ausgegrenzte oder Behinderte hatten keinen Platz in der nationalsozialistischen Ideologie und konnten ohne richterliches Urteil festgehalten werden. Juden und Zigeuner sollten per nationalsozialistischem Gesetz, genauso wie NN-Gefangene niemals entlassen werden.

In einer Vitrine der Ausstellung hängt still und bewegungslos ein rostiger Schlüsselbund. Einer der Gefangenen des Gefängnisses nahm diesen an sich und unterstütze nach Kriegsende die Alliierten vor Ort. In der NS-Zeit war Wolfenbüttel ein reines Männergefängnis, indem zwischen 1933 und 1945 insgesamt etwa 15.000 Menschen inhaftiert waren. Frauen wurden im Gefängnis in Braunschweig verwahrt und reisten nur zur Hinrichtung nach Wolfenbüttel. Zum Personal gehörten der Anstaltsleiter, ein Arzt, ein Geistlicher, ein Lehrer und Mitarbeiter des Inspektions-, Aufsichts- und Werkdienstes, diese beaufsichtigten die Hafthäuser und Arbeitsorte der Gefangenen. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten entließ die Justizbehörde alle SPD-nahen Angestellten. NSDAP Mitglieder wurden bevorzugt eingestellt oder befördert. So begrüßte das national-konservative Vollzugspersonal die Abkehr von den Weimarer Reformen. Nach der Verreichlichung der Justiz 1935 lag die Oberaufsicht über das Gefängniswesen beim Reichsjustizministerium. Dieses stand in Kontakt mit den Generalstaatsanwälten vor Ort, die für den Strafvollzug verantwortlich waren und die Strafanstalten kontrollierten, sowie Verordnungen an die Anstaltsleiter weitergaben. Drastisch verschlechterte Haftbedingungen wie die Ausweitung des Arbeitszwangs, die angespannte Ernährungslage und die starke Überbelegung führten zu mehr als 500 Todesfällen unter den Gefangenen.

Das Strafgefängnis war für bis zu 940 Männer ausgelegt, die Haftstrafen zwischen sechs Monaten oder zehn Jahren verbüßten. Die meisten Gefangenen waren wegen Vermögens-, Körperverletzungs- oder Sexualdelikten verurteilt worden. Ab 1933 waren zunehmend Personen inhaftiert, die wegen politischen Taten oder homosexuellen Handlungen verfolgt wurden. Mehr als die Hälfte der Gefangenen kam aus dem besetzen europäischen Ausland. Nachdem Transporte aus Italien und Polen eintrafen war die Anstalt ab Sommer 1944 mit mehr als 1.500 Insassen ständig überbelegt. In Zugangsbüchern wurde jeder Gefangene bei seiner Ankunft verzeichnet. Die Gefängnisverwaltung erfasste dabei die persönlichen Daten des Gefangenen, darunter Angaben zur Verurteilung Haftdauer, als auch Besonderheiten der Haft, Überstellung an die Polizei oder Sterbefälle. Zuchthaus- und „Nacht-und-Nebel“-Gefangene oder Schutzhäftlinge wurden bis 1938 nicht erfasst, danach nur per Nummer, niemals namentlich. Ab Kriegsbeginn 1939 war der Alltag im Gefängnis durch eine Verschlechterung der Haftbedingungen geprägt. Lebensmittel wurden stark rationiert und der Einsatz zu schwerer körperlicher Arbeit der Gefangenen weitete sich auf bis zu elf Stunden täglich aus. Zugleich führte die Einberufung von Beamten zur Wehrmacht zu einem Mangel an geeignetem Aufsichtspersonal. Fehlende Kontrolle und Arbeitsüberlastung begünstigte Gewalt gegenüber den Inhaftierten. Gegen Kriegsende führten Hunger, schlechte medizinische Versorgung, Überfüllung und rücksichtsloser Arbeitszwang zu einem drastischen Anstieg der Kranken- und Todeszahlen.

Die Justizbehörden stellten der Polizei die Haftstätten zur Schutz- und Vorbeugehaft zur Verfügung. Inhaftierungen waren jederzeit unbegrenzt möglich und von der Justiz weder angeordnet noch kontrollierbar. Sie wurden oftmals einer gerichtlichen Strafe vor- oder nachgelagert. Für viele Gefangene war die Gefängnisstrafe also nicht der Anfang oder das Ende ihrer Haftzeit. Die Gefängnisverwaltung war aufgefordert, bevorstehende Entlassungen an die Polizei zu melden. Diese entschied ob eine weitere Verwahrung nötig war. Oft wurden die Gefangenen dann an KZs überstellt. Die „polizeiliche Vorbeugehaft“ war damit ein Machtinstrument der Kriminalpolizei. Personen konnten ohne richterlichen Beschluss unbegrenzt inhaftiert werden. Dies richtete sich vor allem gegen Sexualstraftäter oder Wiederholungsverbrecher. Die Nazis nahmen an Wiederholungsstraftäter hätten eine charakterliche Veranlagung zur Kriminalität. Dies unabhängig von der Schwere des verübten Verbrechens. Gegen sie konnten hohe Zuchthausstrafen mit anschließender unbefristerter richterlicher Sicherheitsverwahrung zum Schutz der öffentlichen Sicherheit verhängt werden. In Wolfenbüttel waren „Gewohnheitsverbrecher“ nur in Einzelfällen untergebracht. Ebenso wurden Homosexuelle verfolgt. Zum Beispiel sollte Martin Bein, der wegen sexuellen Handlungen zwischen Männern in Wolfenbüttel inhaftiert war, nach der Haft in ein Konzentrationslager verlegt werden. Bis zu einer endgültigen Entscheidung wurde er über das Ende seiner Haft hinaus weiter festgehalten. Erst nachdem er einer „freiwilligen Entmannung“ zugestimmt hatte, sah die Polizei von der Einweisung ab.

Im Herbst 1937 richtete das Reichsjustizministerium in Wolfenbüttel eine zentrale Hinrichtungsstätte für Norddeutschland ein. Mit immer härteren Strafen und Todesurteilen wollte der NS-Staat seine Macht sichern und Rassenvorstellungen umsetzen. Die Straftatbestände bei denen die Todesstrafe verhängt werden konnte wurden stetig erweitert. Bis März 1945 waren es 36 Gesetzesänderungen und Verordnungen. Die Mehrzahl der in Wolfenbüttel vollstreckten Todesurteile fällten Richter der NS-Sondergerichte. Diese wurden 1933 eingerichtet und dienten zunächst der Ahndung politischer Straftaten, vor allem von regimekritischen Äußerungen. Ab 1938 wurden auch nicht politische Straftaten verhandelt. Die Gesinnung der hier tätigen Richter und Staatsanwälte musste absolut zuverlässig sein. Die Rechte der Angeklagten waren stark eingeschränkt. Mildernde Umstände spielten keine Rolle. Urteile wurden nicht auf rechtsstaatlicher Grundlage gefällt. Ein Scharfrichter vollstreckte die Hinrichtungen, die Erste am 12. Oktober 1937, die Letzte am 14. März 1945. Bis März 1945 fanden in Wolfenbüttel 526 Männer und Frauen den Tod durch die Guillotine. Die meisten Hingerichteten wurden auf lokalen Friedhöfen begraben. Über 200 der Leichen kamen zu Forschungszwecken an das Anatomische Institut der Universität Göttingen.

Das Reichsjustizministerium stellte 1935 neue Richtlinien für den Ablauf von Hinrichtungen auf. Darin waren die Bezahlung und Verhalten des Scharfrichters und die Anwesenheit weiterer Personen geregelt. Ein Staatsanwalt leitete die Vollstreckung. Ein Seelsorger betreute den Verurteilten. Gefängnisbedienstete waren für die Bewachung und Beobachtung zuständig, um Suizide zu verhindern. Für diese zusätzliche Belastung gewährte ihnen das Reichsjustizministerium Vergünstigungen. Der Verurteilte war die gesamte Zeit gefesselt und die Beobachtungsscheibe an der Zelle blieb Tag und Nacht offen. Nachts bleibt das Licht an und alle zum Suizid tauglichen Gegenstände wie z. B. Spiegel werden entfernt. Hosenträger und Gürtel werden dem Gefangenen abgenommen und zum essen erhält er maximal einen Löffel. Am Vorabend der Hinrichtung teilte der zuständige Staatsanwalt dem Verurteilten die Ablehnung des Gnadengesuchs und die Uhrzeit der Hinrichtung mit. Am Tag der Verurteilung wurde der Gefangene in das Hinrichtungsgebäude geführt. Der Staatsanwalt erteilte dem Scharfrichter die Erlaubnis zur Vollstreckung und hielt den Ablauf und besondere Vorkommnisse in einem Protokoll fest. Die Scharfrichter arbeiteten freiberuflich und wurden pro Hinrichtung bezahlt.

Ein Arzt musste an der Hinrichtung teilnehmen und den Tod des Verurteilten bescheinigen. Die steigenden Hinrichtungszahlen führten zu einer wachsenden Belastung der Ärzte. Nach der Hinrichtung musste dem Standesamt der Tod des Verurteilten gemeldet werden. Die Leichen wurden überwiegend der Stadtpolizeibehörde Wolfenbüttel zur Bestattung übergeben. Bei „Nacht-und-Nebel-Gefangenen“ wurde dies immer so gehandhabt. Die Beerdigung erfolgte je nach Konfession in Einzelgräbern. Angehörige deutscher Hingerichteter konnten den Leichnam auch auf eigene Kosten im Heimatort begraben lassen. Die Familien der auslädnischen Hingerichteten wurden nicht benachrichtigt. Hinrichtungen wurden zur Abschreckung in der lokalen Presse und über Plakate bekannt gegeben. Diese wurden am Tatort, am Ort des verurteilenden Gerichts und am Vollstreckungsort ausgehängt. Ab Mitte Januar 1945 war das Gefängnis ohne ärtzliche Betreuung. Der belgische Medizinstudent und Inhaftierte Andre Charon pflegte die Kranken im Lazarett, doch es gab kaum Medikamente und Verbandsmaterial. „Nacht-und-Nebel-Gefangene hatten keinen Anspruch auf medizinische Versorgung. Der neue Anstaltsleiter begründete die hohe Sterblichkeit mit der Ankunft aus Räumungstransporten aus östlich gelegenen Gefängnissen kurz vor Kriegsende. Tatsächlich waren unter den Toten aber viele, die bereits im Sommer 1944 in das Gefängnis gekommen und in Außenkommandos eingesetzt worden waren.

Die Rückkehr arbeitsunfähiger Gefangener aus den Außenkommandos und die Verlegung von Inhaftierten aus frontnahen Haftstätten führte zu einer straken Überbelegung und dadurch zu Unterernärhung der Insassen und mangelnder medizinischer Versorgung. Das Gefängnis nutze eine Halle und eine Baracke als zusätzliche Krankenlager. Zwischen Januar und April 1945 starben über 200 Gefangene. Anfang April verfügte der Braunschweiger Generalstaatsanwalt daher den Abtransport von „Nacht-und-Nebel“ Gefangenen und zum Tode Verurteilten in andere Gefängnisse, sowie die Verbrennung ihrer Akten, um Spuren zu verwischen. Am 11. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Strafgefängnis Wolfenbüttel. Sie entließen einen Teil der Gefangenen und suspendierten das Vollzugspersonal. Im Juni 1945 wurde der Ort Teil der britischen Zone und die Briten übernahmen die Verwaltung des weiterhin genutzten Gefängnisses. Die Amerikaner brachten im April 1945 das Gefängnis unter ihre Kontrolle und öffneten die Zellen der etwa 1.500 Inhaftierten. Das Gelände durften diese zunächst nicht verlassen. Mehrere hundert Männer nutzten die Gelegenheit zur Selbstentlassung. Einige politische Gefangene blieben vor Ort und unterstützen die Amerikaner. Ab Juni 1945 genehmigte die britische Militärregierung schrittweise die Wiedereingliederung des entlassenen Personals, auch der NSDAP-Anhänger. Gleichzeitig fanden Ermittlungen gegen Bedienstete statt. Von Juni 1945 bis Juli 1947 wurden 67 neue Todesurteile vollstreckt, meist wegen Verstößen gegen das Besatzungsrecht wie z. B. verbotener Waffenbesitz.

Die Todesstrafen blieben in allen westlichen Besatzungszonen zunächst in Kraft. Zur Ahndung von NS-Verbrechen wurd der Straftatbestand „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ geschaffen. Im Strafgefängnis Wolfenbüttel fanden während der Besatzungszeit noch 44 Hinrichtungen durch die Guillotine statt. Die Briten hielten sich bei Hinrichtungen an das deutsche Recht, das die Enthauptung vorsah. Gefängnisse unterstande der Militärregierung. Ohne Zustimmung der Aliierten durfte kein Todesurteil vollstreckt und keine körperliche Züchtigung durchgeführt werden. Im Juli 1945 erhoben ehemalige Gefangene Vorwürfe gegen mehrere Bedienstete. Untersuchungen führten zu einem Prozess gegen 16 Angeklagte vor dem Landgericht Braunschweig. Der Prozess endete mit zwölf Haftstrafen und zwei Freisprüchen, der Prozess gegen zwei besonders belastete Beamte wurde abgetrennt. Nach Prozessende gab es Proteste aus Belgien, da die Briten das Verfahren einem deutschen Gericht überlassen hatten. 1947 erreicht Belgien die Auslieferung von 31 früheren Beschäftigten. Davon wurden sechs im April 1950 in Brüssel wegen Mordes und Misshandlungen vor einem Kriegsgericht in Brüssel angeklagt. Das Gerichtsverfahren endete im Dezember 1950 in zweiter Instanz mit drei Verurteilungen wegen Gefangenmisshandlung. „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Zitat von Fritz Bauer, der 1968 gestorben ist und daher nicht weiß, dass eine Siegermacht von 1945 derzeit im Krieg mit der Ukraine ist.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s