Warum alte Menschen manchmal toxisch sind

‚Fahren Sie sofort ihr Auto hier weg.‘ der Befehlston des alten Mannes duldet keinen Widerspruch. Ich werfe die Autotür zu. ‚Warten Sie kurz.‘ beschwichtigend hebe ich die Hände. ‚Ich muss lediglich kurz meine Handschuhe holen. Ich habe Sie…‘ ‚Das interessiert mich überhaupt nicht!‘ schreit der Alte und fällt mir ins Wort. Wütend schwenkt er beide Fäuste in die Luft. ‚Sie dürfen da nicht parken.‘ kreischt er weiter. ‚Es ist doch nur kurz…‘ setze ich an. ‚Nein, parken Sie ihr Auto sofort um oder ich hole die Polizei.‘ So haben wir uns gleich mal kennengelernt und jeder weiß woran er ist. Wortlos wende ich mich ab und spaziere zu meinem Fahrzeug zurück. Zähneknirschend lege ich den Gang ein und setze den Wagen zurück. Dann suche ich mir einen anderen Parkplatz. Als ich am geöffneten Fenster vorbeilaufe sitzt der Renter immer noch vor der Scheibe. Jetzt habe ich fast Mitleid. Wahrscheinlich observiert er den ganzen Tag den Gehsteig und verschafft sich durch gelegentliche Zurechtweisungen von Autofahrern und Passanten ein bisschen Abwechslung in seinem Alltag. Ich nehme meine Handschuhe vom Rezeptionstresen der kleinen Pension in Breisach im schönen Breisgau. Diese Region ist Teil des südlichen Schwarzwalds. Normalerweise sind die Menschen hier recht angenehm und freundlich. Der alte Herr ist eine Ausnahme. Vermutlich hat er keine andere Beschäftigung als aus den Scheiben seines Hauses zu schauen. Vielleicht sind die meisten seiner Freunde schon verstorben. Oder er war schon immer ein so ungemütlicher Geselle und hatte nie welche. Eventuell hat er keine Kinder, die sich um ihn kümmern. Oder aufgrund der Globalisierung arbeiten diese einfach zu weit weg um regelmäßig vorbeizuschauen. Durch den Blick aus dem Fenster versucht der Senior womöglich seine Einsamkeit zu vergessen.

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Das ist wie im Supermarkt. ‚Moment ich habe es passend.‘ ist ein absoluter Alptraum. Die alten Menschen lassen sich an der Kasse furchtbar viel Zeit um den Geldbetrag recht genau der Kassiererin zu übergeben. Der Einkauf bringt die Rentner unter Leute und durchbricht die eintönige Einsamkeit. Die Menschen in der Schlange reagieren meistens ungeduldig und rollen mit den Augen. Für das Auskosten dieses minimalen gesellschaftlichen Augenblicks habe ich Verständnis. Obwohl ich auch wenig Zeit habe, weil ich meistens nach dem Einkaufen zur Arbeit muss. Ältere Menschen waren in der Kindheit meiner Eltern noch als Quelle der Lebenserfahrung geschätzt. Heute wissen die meisten Menschen mit Rentnern nichts mehr anzufangen. Wenn man in unserer derzeitigen Gesellschaft ein bestimmtes Alter erreicht hat, sieht man sich oft mit Ablehnung, Zurückweisung und Geringschätzung konfrontiert. Der Respekt für ältere Personen scheint vielen Leuten abhanden gekommen zu sein. Greisen fehlt die jugendliche Kraft und Mobilität. Sie sind oft gebrechlich, langsam und verletzlich. Diese Menschen werden in unserer Welt oft zur Seite gedrängt. Sie passen nicht in unser Weltschema. Manche älteren Personen können allerdings auch sehr launisch und dickköpfig sein. Einige sogar boshaft oder anstrengend. Manche verhalten sich wie Kinder. Dennoch denke ich diesen Verhaltensweisen sollten wir nicht so viel Gewicht beimessen. Es ist nicht einfach sich damit abzufinden, dass man keine berufliche Aufgabe im Leben mehr hat. Und auch, dass man dadurch nun unheimlich viel freie Zeit hat, die man erst einmal sinnvoll füllen muss. Zeit, die sehr begrenzt ist, weil das Herannahen des eigenen Todes bevorsteht. Wann wird man sterben?

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Wann sterben die sozialen Kontakte? Viele Beschäftigungen machen mit anderen Menschen schließlich erst richtig Spaß. Leider ist es häufig der Fall, dass Rentner nach einem erfüllten und durchstrukturierten Arbeitsleben plötzlich erheblich weniger soziale Kontakte haben. Mit der gewonnenen Zeit können sie erstmal nichts anfangen und fühlen sich dadurch einsam und gelangweilt. Sie landen im ‚Bored-out‘. Eigentlich könnten sie alle Dinge in ihrer Freizeit tun, die sie bisher vernachlässigt haben. Oder sich neue Eindrücke suchen für die bisher keine Zeit war. Durch tägliche Rituale könnten sie ihren neuen Lebensabschnitt strukturieren. Darauf müssen die Rentner aber erstmal kommen. Während junge Menschen oft so leben, als gäbe es kein Morgen, sitzen alte da und machen sich so ihre Gedanken. Ich hoffe, dass der alte Mann im Fenster irgendwann begreift, dass er während seiner Rente endlich Zeit für alle Dinge hat, die er tun möchte. Dass er neue Hobbies findet, die ihn glücklich machen. Vielleicht sogar in einem Verein mit anderen Senioren. Z. B. beim  Sport. Körperliche Fitness im Alter steigert nicht nur die Mobilität und das Wohlbefinden, sondern wirkt sich auch positiv auf die Lebenserwartung aus. Womöglich traut er sich sogar ins Internet und findet dadurch sogar neue Dinge, die ihm Spaß machen. Er könnte ein Ehrenamt annehmen oder sich ein Haustier anschaffen. Und er sollte mehr lachen und weniger schimpfen. Für Rentner gibt es mit dem Rentenausweis ja auch viele attraktive Rabatte. Der Ruhestand kann schließlich auch entspannt wahrgenommen werden. Menschen mit einem positiven Blick auf das Alter leben länger und besser. Sie sind weniger depressiv oder ängstlich. Sie erholen sich leichter von körperlichen Einschränkungen und erkranken mit geringerer Wahrscheinlichkeit an Demenz oder Alzheimer (Orb-Befragung der Yale-Universität). Menschen mit einem positiven Bild vom Alter leben 7,5 Jahre länger.

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Wer der Rente negativ gegenübersteht, hat einen höheren Stresspegel. Und Stress verursacht eine ganze Reihe von gesundheitlichen Problemen. Wenn man selbst mit einer negativen Sicht an das Älterwerden herangeht, macht man auch eher schlechte Erfahrungen. Dennoch ist der Ruhestand in unserer vom Jugendwahn geprägten Gesellschaft ein Thema, das die meisten Menschen so lange verdrängen bis gesundheitliche Probleme ihren Alltag stark verändern. Man braucht immer mehr Hilfsmittel. Das macht die alten Menschen giftig. Durch ihre cholerische Art suchen sie etwas Zuwendung. Toxische Senioren haben ein geringes Selbstwertgefühl. Evtl. haben diese auch den Eindruck keinen positiven Zuspruch zu verdienen. Negative Zuwendung ist dann besser als überhaupt keine. Wenn Rentner eine schlechte Rückmeldung bekommen, wird ihnen zumindest Aufmerksamkeit zuteil. Sie können sich dann lebendig fühlen. Und der Ruhestand wird ein spannender Lebensabschnitt. Wer dem Alter positiv entgegensieht, lebt in der Regel länger und bleibt länger gesund als jene Menschen, denen ihre Zukunft in trübem Licht erscheint. In Ländern, in denen Ältere allgemein wenig respektiert werden, sind diese oft geistig und körperlich gebrechlicher. Im Schnitt sind diese auch ärmer als die jüngeren Bewohner des jeweiligen Landes. Ich glaube man darf auf solche Menschen nicht wütend sein. Dann hätten diese erreicht was sie wollen. Und Ärger ändert nichts. Es ist Zeitverschwendung zu diskutieren. Ich bin im Grunde nicht die Ursache des wütenden Auftretens des alten Mannes. Sein Problem liegt in ihm selbst. Von akuter Einsamkeit sind etwa rund acht Millionen Menschen im Alter von 60 bis 99 Jahren in Deutschland betroffen. In unserer schnelllebigen Zeit und Gesellschaft werden diese Zahlen wohl noch zunehmen.

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Es gibt etwa 17 Millionen Senioren in Deutschland. Das sind etwa 20% der Bevölkerung. In etwa 40 Jahren wird schon ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Zumindest wenn sich die Bevölkerungszahlen weiter wie bisher entwickeln. Es wird erstmals mehr alte als junge Leute geben. Und damit mehr Menschen, die ihren 60. Geburtstag schon hinter sich haben als Personen, deren 15. Lebensjahr noch nicht begonnen hat. Norbert Blüm behauptete 1986 ‚Die Rente ist sicher.‘ Das kann heute kein Rentner mehr erwarten. Es gibt einfach immer mehr alte Menschen. In der EU sind Deutschland und Italien übrigens die Länder, deren Gesellschaften am schnellsten altern. Jeder zweite Mensch über 75 lebt derzeit allein. Ein Fünftel von ihnen verbringt an einem normalen Tag überhaupt keine Zeit mit irgendeiner anderen Personen. Das Fernsehen oder eben ein Fenster sind die zentrale und oft die einzige Form der Kommunikation mit der Außenwelt. Was wäre, wenn wir den alten Menschen um uns mal wirklich zuhören würden? Je älter ein Mensch wird, desto mehr hat er schließlich erlebt. Sowohl an positiven als auch negativen Dingen. Das könnte er ja nun an jüngere Menschen weitergeben. Er könnte dadurch neue Einsichten und auch Mut schenken. Sagen was sich in bestimmten Situationen bewährt hat und was eher nicht. Nur wenn wir über Vergangenes Bescheid wissen, können wir verstehen, wie unsere Gesellschaft heute tickt. Und nur wenn wir das wissen, können wir das Beste aus der Zukunft machen. Das ist unser Erbe von einer Generation zur nächsten. Wir können nur solange die Augen vor dem Alleinsein der Senioren schließen, bis wir selbst im Alter völlig isoliert sind. Und wenn Eltern ihren Kindern vorleben, dass einsame Senioren normal sind, werden auch diese kein schlechtes Gewissen haben mit Mutter und Vater derart umzugehen. Fortschritt bedeutet auch die Entwicklung eines Miteinanders. Alt werden will jeder. Alt sein keiner. Dennoch, je älter ein Mensch wird, umso länger hat er gelebt.  Ich bin dem alten Mann nicht mehr böse.


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