Ein Spatzenhirn sieht einen Spatz

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‚Der Spatz ist das Wappentier der Stadt Ulm. Man findet ihn überall in der Stadt.‘ sagt mein pfälzischer Freund und Reiseführer gerade. Keuchend bleiben wir kurz auf den Treppenstufen des Münsterturmes stehen. Der Turm des Ulmer Münster ist mit über 161m der höchste Kirchturm der Welt.  768 Stufen führen unermüdlich schmaler werdend immer weiter nach Oben. Der Ausblick ist traumhaft. Die vielen roten Ziegeldächer werden in der Mittagssonne immer kleiner. Die tanzenden Sonnenstrahlen sprenkeln ein bewegliches Muster aus hüpfenden Lichtpunkten auf die orangeroten Ziegel. Irgendwann wird der Turm richtig eng und der Gegenverkehr der hinabsteigenden Besucher bremst uns eine endlose Zeitspanne aus. Ich presse meinen Rücken fest an den kalten Stein der Turmwände um möglichst viel Platz für die Entgegenkommenden zu bieten.

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Im Innenraum des Münsters steht ebenfalls ein Spatz aus hellem Gestein. Im Mund trägt er einen zierlichen Stab aus hellem Holz. Als die Ulmer ihr Münster bauten hatten diese Probleme einen großen Balken quer durch das Stadttor zu karren. Der Holzstamm war zu breit und die Einwohner beschlossen das Tor einzureißen. Da flog ein Spatz mit einem Zweig im Schnabel durch den Torbogen. Der Vogel hielt den Ast längs und so passte dieser problemlos hindurch. Die Städter nahmen sich daran ein Beispiel und legten den Balken der Länge nach auf ihren Karren und nicht quer. Warum es die Erzählung in die Geschichte der Stadt geschafft hat ist mir ein Rätsel. Überall findet man in der Stadt den Spatz. Obwohl die zugrunde liegende Aktion nicht für die frühere Intelligenz der Bewohner spricht. Eher für Spatzenhirne (das soll definitiv nicht heißen, dass die Ulmer dumm sind, es ist ja nur eine Legende). Und das wäre dann ja noch eine Beleidigung für den Spatz. Oder warum sollten man erst einen Vogel beobachten müssen, um zu einer logischen Lösung zu gelangen? Dennoch bringt der Spatz mit der Kaufkraft der Touristen der Stadt einige Geldeinnahmen.

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Auf dem obersten Punkt des Münsterturms ist es genauso eng wie auf den letzten Treppenmetern. Bis wir den gesamten Balkon umrundet haben dauert eine gefühlte Ewigkeit. Millimeterweise drängeln wir uns an Selfie machenden Teenagern und Liebespaaren vorbei, die permanent hoffen das nächste Foto könnte noch besser werden. Der Ausblick ist überwältigend. Die kleinen Fachwerkhäuser des Fischerviertels liegen in der Ferne hinter dem bunt bemalten Rathaus. Ulm wird gerahmt von satten Grüngürtel, der sich im sanftmatten Dunkelgrün der schimmernden Baumwipfel bis zum strahlenden azurblauen Horizont zieht. Dazwischen schlängelt sich das dunkelblaue, undurchsichtige Wasser der Donau durch das üppige Grün und den Stadtgürtel von Ulm. Wir haben Glück es ist ein wunderschöner Tag. Die drückende Schwüle der Einkaufstraßen unter uns weicht in dieser Höhe einer erfrischenden, kühlen Brise und überzieht den ganzen Münsterturm mit einem angenehmen sommerlichen Windhauch. Das filigrane, rostbraune Steingestrebe der Turmspitze verliert sich über mir in einem verwirrenden Konstrukt. Die verrussten Fratzen der teuflischen Wasserspeicher zeichnen sich in schattigem Grau gegen das gleichmäßige Blau des wolkenlosen Himmels ab und wirken überhaupt nicht negativ. Die allgegenwärtige Positivität der ganzen Szenerie überträgt sich. Ich fühle mich wohl.

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Über eine kleine Brücke spazieren wir ins älteste Viertel Ulms, das Fischerviertel. In den verwinkelten kleinen Gässchen reihen sich die schmucken Fachwerkhäuser an urige Restaurants, gemütliche lauschige Cafes und kleine Geschäfte. In einem Bistro direkt an einem Seitenarm der Donau trinken wir ein Glas Wein. Im seichten Wasser liegen längliche Zille aus dunklem Holz. Die einfach gebauten flachen Kähne treiben auf den langsam wogenden Wellen im grünen Wasser auf und ab. Früher wurden die flach geschnittenen Boote hauptsächlich zum Warentransport eingesetzt. Gelenkt werden diese mit langen Holzstangen. Sie wogen gemächlich die Donau hinab, eine ernstzunehmende Geschwindigkeit entwickeln sie nicht. Trotzdem gibt es in Ulm jährliche Zillermeisterschaften. ‚Wein gibt’s hier nicht so Guten. Durch die Nähe zu Bayern trinkt man hier eher Bier. Das Ulmer Gold wird hier gebraut und schmeckt ziemlich gut‘ verkündet mein Begleiter.

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Ich rümpfe die Nase. Mit Bier kann ich nichts anfangen. Ich bin in Hessen mit Nähe zur Bergstrasse und der Pfalz aufgewachsen. Und daher auch mit Wein. Mein Vater hatte einen richtigen Gewölbekeller, in dem die Flaschen immer kühl und dunkel lagerten. ‚Weißt Du eigentlich, dass das Dubbeglas von Metzgern erfunden wurde?‘ fragt mein Gegenüber. Ich schüttele erstaunt den Kopf. ‚Nach dem Schlachtfest waren die Hände der Fleischer immer zu fettig und zu feucht, um ein glattes Glas zu halten. Daher ließen diese sich Gläser mit kleinen kreisförmigen Dellen im Glas anfertigen, in denen die Finger gut halt fanden. Nach dem Spaziergang durch das Altstadtviertel folgen wir der Blau nach Blaubeuren zum Blautopf. Die Oberfläche des kleinen Tümpels ist von einer durchdringenden, unwirklichen türkisblauen Farbe. Das Wasser enthält Kalkpartikel, die bevorzugt blaues Licht streuen und reflektiert daher hauptsächlich die ungewöhnlich intensiven Blauvariatonen. In dem kleinen Teich schwappt das leuchtende und ungewöhnliche Blau der Wellen träge und behäbig dahin.

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Über dem zierlichen See liegt eine mysteriöse Atmosphäre, immer wieder zieht mich das ungewohnte Blau des Wassers mit seiner Schönheit an. Der Legende nach wohnte hier die schöne Nixe Lau. Von ihrem Nixenehemann wurde diese aus der Donau in den Blautopf verbannt, weil sie mit einem Fluch belegt war. Sie hatte ihr Lachen verloren und konnte daher nur tote Kinder gebären. Mit ihrem Hofstaat sollte die Meerjungfrau im Blautopf sitzen bis der Fluch gebrochen war und sie ein lebendiges Kind bekam. Die Wirtin des Hofs am kleinen See brachte die Wassernixe fünf Mal zum Lachen und half dieser den Bann zu brechen. Die arme Frau wurde also verbannt, weil sie verflucht war. Das finde ich vom Wassermann ziemlich ungerecht und drastisch. Er bestraft die bereits Gestrafte. Die Idee mit den getrennten Wohnungen finde ich dafür ziemlich gut. Jeder Einzelne hat seinen eigenen Bereich. Ich wäre einfach im Blautopf geblieben, auch nach Beendigung des Fluchs. Der Tümpel ist zwar überschaubar, aber dafür hat man ungestört sein eigenes Reich. Den Rest des Tages verbringen wir entspannt in einem Biergarten in Neu-Ulm. Obwohl nur über eine Brücke von Ulm getrennt gehört die Stadt bereits zu Bayern. Dafür ist die Nähe zur bayrischen Kultur dann doch gut. Die Biergartenkultur hier ist richtig klasse.

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