Fahrt mit dem Geldbeutelschlucker

Vielleicht sollte ich mir die Rubrik am Ende des Reiseführers ‚Was sollte man auf keinen Fall tun‘ nicht für das Ende des Urlaubs aufheben. Genau das habe ich in Rom getan. Ich erfahre am letzten Tag meines Aufenthalts, dass ich die ganze Zeit im Geldbeutelschlucker-Bus gefahren bin. Linie 64, welche die meisten Sehenswürdigkeiten Roms direkt verbindet ist der Platz der Diebe. Mit über 10 Millionen Besuchern im Jahr ist Rom ein Paradies für Taschenräuber. Im dichten Gedränge des Busses 64 lassen sich Geldbörsen leicht entwenden. Im Angesicht dieser Erkenntnis fassen wir uns mit bestürzten Gesichtern alle ans Portemonnaie. Nur um kurz darauf mit erleichtertem Mienen festzustellen, dass die Geldbeutel noch da sind.

panorama-2154463_1920.jpg

Alle Wege führen nach Rom. So auch unserer. Mit drei Freunden habe ich an diesem Wochenende Rom besucht. Einer von ihnen will seinen Geburtstag hier feiern und hat uns eingeladen. Er hat die Flüge gebucht und wir müssen nur die Unterkunft bezahlen. Im Hotel angekommen öffne ich das Zimmerfenster. Mein Blick fällt auf kreuz und quer gespannte Wäscheleinen im Hinterhof, an denen die feuchte Kleidung baumelt. Nur undeutlich erhasche ich einen Blick auf die gegenüberliegenden tristen Hausfassaden . Typisch Italien. Die Wäsche hängt auf zwischen den Häusern gespannten Seilen in der Sonne zum Trocknen. Ich teile mein Zimmer mit dem Geburtstagskind.

rome-974294_1920.jpg

Wir beide wollen endlich los und uns ins ‚dolce Vita‘ stürzen. Ungeduldig hämmere ich an die Zimmertür gegenüber. Es dauert nicht lange. Die Tür fliegt auf. Unser Freund steht im Türrahmen, ein Handtuch um die Hüfte geschlungen. Lässig lehnt er sich an die Holzvertäfelung und positioniert die Arme so, dass ich auf jeden Fall die präzise Andeutung der Muskeln auf den Oberarmen sehen kann. Fast warte ich darauf, dass er jetzt im Bad vor den Spiegel tritt und seinen Bizeps küßt. Der Anblick seines Adoniskörpers lässt mich völlig kalt. Zum einen, weil die ewige Stadt Rom meine absolute Aufmerksamkeit hat. Zum anderen, weil mir ein Mann mit dem ich mich nur über Gewichtheben und Sport unterhalten kann viel zu langweilig ist.

rome-2093608_1920.jpg

italy-1322894_1920.jpg

‚Ihr seid ja noch gar nicht fertig. Jetzt aber schnell.‘ poltere ich los und ernte einen überraschten Blick. Unser Muskelmann hat sich eine andere Reaktion erhofft und verschwindet bestürzt im Badezimmer. Mit einem lauten Knall schließt sich die Tür. Sein männliches Ego kommt mit meinem Desinteresse nur begrenzt zurecht. Ich grinste das Geburtstagskind breit an, er erwidert mein Lächeln. Wenig später schlendern wir alle durch die Straßen Roms und nutzen den Bus der Taschendiebe um zur nächsten Sehenswürdigkeit zu kommen. Wir laufen am Kolosseum vorbei und betrachten das Forum Romanum. Italiens Hauptstadt ist reich an historischen, detailverliebten Plätzen. Über die spanische Treppe endet unser Spaziergang am Trevibrunnen.

spanish-steps-84181_1920.jpg

trevi-fountain-298411_1920.jpg

Vor dem Brunnen herrscht dichtes Gedränge um den besten Platz zum Fotografieren.  Jeden Tag, vor allem abends, versammelt sich hier die Welt vor dem Meeresgott Neptun. Zahlreiche Münzen fallen ins Wasser, geworfen von Touristen, die hoffen nach Rom zurückzukehren. In einer Bar trinken wir einen Espresso, natürlich auf italienische Art im Stehen. Ich bewundere das Können des Baristas. Portionsgenau scheint dieser die Bohnen abzumessen  um dann auf den Milliliter passend die kleinen Tässchen zu befüllen.  Die winzigen Espressotassen würden sich auch als Fingerhüte eignen. Um unser Cafe erklingt der laute Straßenlärm. Alles verschwimmt in einer Melodie aus Hupen, knatternden Auspuffen und quietschenden Bremsen. Die ständige Geräuschkulisse ist Teil der Szenerie Roms.

rome-881633_1920.jpg

creation-of-man-1159966_1920.jpg

Eine Bühne für die Einheimischen, die wild gestikulierend hinter ihren Lenkrädern sitzen. Auf Italienisch lässt es sich wunderbar schimpfen. Zufrieden lächelnd lausche ich den ärgerlichen Worten, die in dieser Sprache wie ein Gedicht klingen und schlürfe meinen Espresso. ‚La vita è bella.‘ – das Leben ist schön. Die Italiener bewahren immer ihre Lebensfreude, egal was das Leben bringt. Man findet für alles eine Lösung. Gibt es keine offensichtliche, wird einfach improvisiert. Das ist bei Autoeparaturen genauso wie bei mangelndem Platz zum Wäsche aufhängen. Man spannt die Leinen einfach von Haus zu Haus über die Straße.

vatican-246419_1920.jpg

san-pedro-1064691_1920.jpg

Nach unserer Kaffeepause besichtigen wir den Vatikan. Ich werde von den goldbeladenen Wänden völlig erschlagen. Das metallische Blitzen brennt in den Pupillen und ich schließe geblendet die Augen. Betäubt durch die überbordende Pracht bin ich unfähig die gesamte Kunst des Petersdoms und der sixtinischen Kapelle wahrzunehmen. Das goldene Glitzern an den Wänden ist einfach zu viel. Unstet wandert mein Blick über das glänzende Metall. Von allen Seiten wird ein funkelndes Licht reflektiert, jedoch sendet dieses nur kalte Strahlen. Ich bin froh, als wir wieder in warmen Licht der Sonne auf der Straße vor dem Dom stehen.

pantheon-1127025_1920

piazza-navona-433415_1920.jpg

Vom langen Laufen sind wir alle hungrig. Am Pantheon, einer katholischen Kirche in Gestalt eines Säulentempels, laufen wir vorbei zur schönen Piazza Navona. In einer kleinen Ristorante setzen wir uns an einen der Bistrotische. Im selben Augenblick tritt der Kellner ins Freie. Seine Arme beladen mit mehreren Tellern, die köstlichen Aromen der Speisen ziehen zu uns herüber. Der Ober setzt die Bestellungen ab und wirft sich in Pose. Die Hände locker in den Hüften trällert er mit der Stimme eines Opernsängers ‚O sole mio.‘.

flowerpot-1842098_1920.jpg

piazza-2027889_1920.jpg

Die Melodie bahnt sich ihren Weg über unsere Köpfe hinweg. Die ausdrucksstarke, kraftvolle Stimme zieht mich immer fester in ihren Bann. Ich kann nicht anders als dem groß gewachsenen Mann mit dem sonnengebräunten goldenen Teint zu lauschen. Fasziniert fixiere ich die haselnussbraunen Augen. Sein gewaltiger Gesang erschallt über den ganzen Platz und wirft ein vielfaches Echo in den engen, verwinkelten Gassen. Schon stimmt der Tenor die letzte Strophe an und es folgt ein begeisterter, zügelloser Applaus. Alle Gäste des Restaurants klatschen, viele erheben sich sogar von ihren Sitzplätzen. Roma rückwärts gelesen bedeutet Amor – Liebe. Jetzt weiß ich warum.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s